Mit Verlegerin Ines Rein-Brandenburg, Verlag Kern, auf der Leipziger Buchmesse, März 2026



Leseprobe
"Der bittere Preis der Wahrheit"
Es ist spät am Abend in einem medizinischen Forschungslabor. Die meisten Kolleginnen und Kollegen sind längst nach Hause gegangen. Nur eine junge Ärztin sitzt noch vor ihrem Computer. Auf dem Bildschirm schaut sie ein Bild eines Experiments an, ein Experiment, das nicht ihr eigenes ist, an dessen Publikation sie aber beteilig war. Und dann poppt ein zweites Bild auf – daneben. Auf den ersten Blick sehen sie identisch aus. Aber dann erkennt sie etwas Merkwürdiges: Eine Bande in einem Proteinexperiment ist auf dem einen Bild da – und auf dem anderen nicht.Ein kleiner Unterschied, doch für die wissenschaftliche Veröffentlichung war genau diese Bande entscheidend. Die junge Ärztin merkt plötzlich: Das kann kein Zufall sein.
In diesem Moment beginnt sie zu ahnen, dass in ihrem eigenen Labor etwas nicht stimmt.
Was soll sie tun, wenn sie entdeckt, dass in Ihrer eigenen Arbeitsgruppe vielleicht wissenschaftliche Daten manipuliert wurden? Und zwar nicht von einem Fremden, sondern von jemandem, mit dem Sie jeden Tag zusammenarbeitet, den Sie gut kennen, dem sie (bisher) vertraut. Mit dem sie gemeinsam publiziert hat, so dass Sie für die Ergebnisse der Publikationen mit verantwortlich ist.
Soll sie es melden – und damit möglicherweise Ihre eigene Karriere zerstören, weil sie ja mit verantwortlich ist? Und wenn Sie es meldet, wem vertraut Sie sich an? Ihrem Chef, aber was, wenn der das gar nicht hören will, oder es schon weiß, es aber deckt?
Und damit sind wir mitten im zentralen Konflikt des Romans „Der bittere Preis der Wahrheit“.
Im Mittelpunkt steht eine junge Ärztin und Wissenschaftlerin, Aurélie Stein, die in der Krebsforschung arbeitet und an die Ideale der Wissenschaft glaubt: Wahrheit, Transparenz und intellektuelle Redlichkeit.
Das Kapitel 27 trägt den Titel: „Nicht für fremde Augen“. Und diese Überschrift hat einen doppelten Sinn: Der Ursprung bestimmter Datensätze soll nicht von anderen im Labor gesehen werden und dann gibt es noch einen zweiten Sinn, den Sie beim Weiterlesen sehr schnell selbst erkennen werden.
Noch kurz zum Kontext:
Die US-Amerikanerin Dr. Jennifer Pluvatzky ist die dienstälteste und erfahrenste Wissenschaftlerin im Labor. Sie präsentiert oft die raffiniertesten und überzeugnesten Daten, ist anderen oft eine Nasenlänge voraus. Doch einige ihrer Experimente kann Aurélie Stein nicht reproduzieren. Sie weiß lange nicht, ob das an ihren eigenen methodischen Schwäche liegt – oder ob etwas an den Daten nicht stimmt.
Dann erkrankt Jennifer und der Chef des Labors, Prof. Armin Hersch, besteht darauf, dass Aurélie an ihrer Stelle die Daten auf einem großen interrnationalen Kongress vorstellt. Es wird ein epochaler Erfolg. Aurélie ist der neue Stern am Wissenschaftshimmel..
Doch nun sind die Daten bekannt und Herrsch drängt darauf, sie schnell zu publizieren, damit niemand ihnen zuvor kommen kann. Jennifer ist noch immer krank und Herrsch verpflichtet Aurélie die Publikation zu schreiben. Er trägt ihr auch die Erstautorschaft an, obwohl mehr Daten von Jennifer als von ihr in der Arbeit enthalten sind. Aurélie sperrt sich erst, lässt sich dann aber überzeugen – ein schwerer Fehler, wie sich später heraustellen soll.
Kapitel 27. Nicht für fremde Augen
Mittlerweile hatte sich Jennifer von ihrer Erkrankung erholt. Aurélie ließ ihr Zeit, wieder im Labor ‚anzukommen‘. Nach einiger Zeit fasste sie sich ein Herz und ging zu ihr ins Büro hinüber.
Sie erwartete eine Auseinandersetzung über die Erstautorschaften auf den in ihrer Abwesenheit herausgeschickten Manuskripten; die aber blieb völlig aus. „Es war richtig, die Papers so herauszuschicken, so haben wir keine Zeit verloren“, befand Jennifer. Dann sprach Aurélie sie mit klopfendem Herzen auf die Diskrepanzen in Bezug auf die Neoantigene an, die sie auf Proteinniveau nicht hatte finden können. Was hatte Jennifer anders gemacht als sie, hatte sie überhaupt Proteom-Analysen gemacht? Wo konnte der methodische Unterschied liegen?
Jennifer stutzte kurz, zog die Augenbrauen zusammen, dann kam die Antwort: „Es gibt so viele kleine Parameter, derentwegen so ein Experiment misslingen kann. Gerade bei LC-MS/MS sind die Daten oft ‚wackelig‘. Das ist mir früher auch oft so gegangen, dass ein Experiment wegen eines kleinen Details schiefging“, sagte sie mit einem mitleidigen Lächeln, als Aurélie ihre Schwierigkeiten ansprach.
Es war das Lächeln von jemandem, der entweder über tieferes Wissen verfügte – oder über eine perfekte Fassade. Und dann: „Warum reitest du so auf ‚alten Kamellen‘ herum, das Paper ist doch längst akzeptiert, alle Gutachter und Experten haben es sehr gut gefunden und die Wissenschaft muss schließlich weitergehen. Mach dir doch nicht immer so viele Sorgen.“
Aurélie spürte, wie ein innerer Konflikt in ihr brodelte. Jennifers Worte hatten etwas Beruhigendes, fast Beschwichtigendes – und doch nagte an ihr das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. „Weitergehen, die Wissenschaft muss weitergehen …“ Diese Einstellung klang pragmatisch, aber war sie auch korrekt, wenn es um so grundlegende methodische Probleme ging? „Aber …“, setzte Aurélie zögerlich nach, doch sie spürte, dass ihre Worte auf taube Ohren stoßen würden. Jennifer hatte bereits den nächsten Plan vor Augen, das nächste große Experiment, das die wissenschaftliche Welt aufhorchen lassen würde. Für sie war das Kapitel längst abgeschlossen.
Mit einem leisen Seufzen entschied Aurélie, nicht weiter nachzuhaken. „Vielleicht bin ich wirklich zu perfektionistisch“, dachte sie und zwang sich, Jennifers Lächeln zu erwidern. „Du hast wahrscheinlich recht. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast.“
Sie wollte nicht riskieren, die ohnehin fragile Kollegialität weiter zu gefährden. Doch innerlich war sie alles andere als überzeugt. Jennifer hatte ihre Haltung in einem Satz klargemacht: Das Paper war veröffentlicht, die Vergangenheit zählte nicht mehr. Alles, was zählte, war die Zukunft – die nächsten Publikationen, die nächsten Schritte im Labor.
Was sollte sie jetzt tun? War sie zu gewissenhaft? Zu sehr darauf fokussiert, jedes Detail zu verstehen? Hatte sie die schnelle, gnadenlose Dynamik des wissenschaftlichen Wettbewerbs unterschätzt?
„Du musst nach vorne schauen, Aurélie“, sagte Jennifer und legte ihre Hand auf Aurélies Schulter, als würde sie eine jüngere Kollegin aufmuntern wollen. „Wenn du dich auf deinen Antrag für den Sonderforschungsbereich konzentrierst, hast du eine großartige Chance, dich hier weiter zu etablieren. Diese Ergebnisse sind ein Sprungbrett – du solltest sie nicht infrage stellen, sondern darauf aufbauen.“
Aurélie nickte mechanisch, obwohl sie sich innerlich dagegen sträubte. Aber Jennifer hatte recht in einem Punkt: Die Wissenschaft war schnelllebig, und die Konkurrenz war hart. Wenn sie nicht mithalten konnte, würde sie abgehängt werden. Herrsch hatte bereits zwei neue Projekte in Aussicht gestellt, und es gab keine Zeit zu verlieren.
Dennoch – als sie später an ihrem Schreibtisch saß, die Unterlagen für den Sonderforschungsbereichs-Antrag vor sich ausgebreitet, konnte sie ihre Gedanken nicht von der Proteinexpression lösen. War sie wirklich bereit, ihre wissenschaftliche Integrität zugunsten des Erfolgs aufzugeben? Jennifer hatte ihre Entscheidung getroffen. Aber sie selbst? Sie wusste, dass sie sich an einem Scheideweg befand. Würde sie den Weg des geringsten Widerstands gehen und sich dem Druck beugen? Oder würde sie den Mut finden, tiefer zu graben – auch wenn das bedeutete, sich gegen die Erwartungen ihres Labors und vielleicht sogar gegen Herrsch zu stellen? Die Frage war nicht nur, wie sie als Wissenschaftlerin wahrgenommen werden wollte, sondern auch, ob sie noch ‚in den Spiegel sehen‘ konnte.
Ihre neuen Arbeiten bauten nicht direkt auf den alten auf, so dass sie erst einmal unbelastet weiterarbeiten konnte. Doch die Problematik ließ sie nicht los. Wenn falsche Daten – im Sinne der Translation – zu Therapien weiterentwickelt würden, könnte man mit den dann negativen klinischen Studien viel wertvolle Zeit verlieren. Und schlimmstenfalls könnten Patienten zu Schaden kommen. Das konnte doch auch Herrsch nicht wollen …
Spätabends – bei Herrsch brannte noch Licht – fasste sie sich ein Herz. Es musste doch möglich sein, Herrsch zu überzeugen, dass ein ‚Weiter-so‘ einfach gefährlich sein konnte. Dass man zumindest überlegen musste, ob Jennifers Daten nicht vielleicht doch fehlerhaft waren, dass man sie zumindest noch einmal unabhängig überprüfen musste.
Aurélie ging hinüber, das Sekretariat war um diese Zeit verwaist. Sie klopfte an Herrschs Tür – keine Antwort. Sie klopfte noch einmal und öffnete die Tür vorsichtig einen Spalt. Herrsch saß mit bloßem Oberkörper an seinem Schreibtisch und auf seinem Schoß saß – ebenfalls kaum bekleidet – Jennifer. Ihr BH und Teile ihrer Unterwäsche lagen auf dem Boden. Aurélie schlug das Herz bis zu Hals. Sie murmelte eine Entschuldigung und schloss vorsichtig wieder die Tür.
Für einen Moment stand sie wie erstarrt vor der geschlossenen Tür. Ihr Kopf war ein einziges Chaos. Was hatte sie gerade gesehen? Die Szene war so surreal, dass sie sich fragte, ob sie nicht vielleicht einer halluzinatorischen Übermüdung erlag. Doch die Eindeutigkeit der Situation ließ keinen Zweifel daran, dass sie hier in etwas hineingeraten war, das eher nicht ans Licht der Welt kommen sollte.
Aurélie zwang sich, tief durchzuatmen, und machte sich auf den Weg zurück ins Labor. Ihre Schritte hallten in den leeren Fluren, und die fluoreszierenden Lichter warfen kalte Schatten auf die Wände. Sie fühlte sich wie eine Einbrecherin in einer fremden Realität, einer Welt, die sie nicht betreten sollte. Wieder an ihrem Arbeitsplatz angekommen ließ sie sich schwer auf ihren Stuhl fallen. Ihre Gedanken überschlugen sich. Was bedeutete das, was sie gesehen hatte, für Jennifers Arbeit? Für die Glaubwürdigkeit des Labors? Für ihre eigene Position hier? Hatte Jennifer ihren Status und ihre Privilegien möglicherweise nicht allein durch ihre wissenschaftlichen Leistungen erreicht? Und was würde passieren, wenn das öffentlich würde?
Es gab also nicht nur ein wissenschaftliches Problem – es gab auch ein moralisches Dilemma. Die wissenschaftliche Integrität, die Aurélie so verzweifelt verteidigen wollte, war hier offensichtlich zweitrangig. Herrschs Nähe zu Jennifer war keine rein professionelle. Wie konnte er da objektiv sein? Wie konnte er Jennifers Daten infrage stellen, wenn er in so einer persönlichen Beziehung zu ihr stand?
Aurélie musste sich zwingen, einen klaren Gedanken zu fassen. Was sollte sie jetzt tun? Ihr Versuch, Herrsch von den wissenschaftlichen Unstimmigkeiten zu überzeugen, war nicht nur sinnlos geworden – er war auch gefährlich. Sie hatte etwas gesehen, was sie nicht hätte sehen sollen, und das konnte Konsequenzen haben. Doch das Problem war größer als ihre persönliche Sicherheit. Wie konnte sie in diesem Labor weitermachen, wenn sie wusste, dass möglicherweise falsche Daten die Grundlage ihrer aller Arbeit bildeten?
Aurélie spürte, wie sich ihr Hals zusammenschnürte. Es gab keinen einfachen Ausweg. Weiterhin heimlich alte Experimente zu wiederholen, würde ihre Zweifel nicht auflösen – es würde sie nur tiefer in das Labyrinth der Widersprüche führen. Doch offen gegen die beiden vorzugehen, konnte ihre Karriere beenden.