"Das Krebs Komplott"

Ein Botaniker bringt aus dem Regenwald Borneos eine geheimnisvolle Pflanze nach Deutschland – eine Entdeckung, die Krebs heilen könnte. Doch zwischen wissenschaftlicher Hoffnung, milliardenschweren Interessen und moralischen Grenzüberschreitungen beginnt ein gefährliches Spiel um Wahrheit, Macht und Profit. Ein literarischer Medizinroman über die Verführbarkeit der Wissenschaft – und den Preis, den Menschen zahlen, wenn Hoffnung zur wohlfeilen Ware wird.

Leseprobe

"Das Krebs-Komplott" 
Ein Pharmathriller über ein biologisches Krebsmedikament von Ulrich Förstermann

 

Prolog

Universitair Centrum voor Oncologie Leiden, Niederlande.

Marieke de Groot wurde wach, als am Morgen das Licht durch die halb geöffneten Lamellen der Fenster fiel. Es war ein kühles, milchiges Licht, wie es nur an der Küste entstehen konnte. Es legte sich auf die weiße Bettdecke, auf ihre Hände, die ruhig übereinander lagen. Sie atmete gleichmäßig, nicht tief, nicht flach, einfach ruhig.

„Goedemorgen, Marieke“, sagte die Pflegekraft leise. Sanne Bakker, Anfang dreißig, trat ans Bett. Sie prüfte die Infusion, strich den Schlauch glatt, als wäre er etwas Empfindliches. Dann nahm sie Mariekes Hand, fühlte den Puls. Die Hand war warm, der Puls regelmäßig.

„Wie haben Sie geschlafen”, erkundigte sich Sanne. „Ich habe gut geschlafen“, sagte Marieke. Ihre Stimme war rau, aber gefasst.

Sanne lächelte. „Das freut mich.“ Für einen Moment blieb sie stehen, länger als nötig. Ihr Blick glitt zum Monitor, dann zurück zu Marieke.

„Heute scheint ein guter Tag zu sein“, sagte sie schließlich, fast wie eine Feststellung. Marieke nickte. „Ich glaube auch.“ Sie sah zum Fenster. Hinter den Lamellen lag der Himmel flach und grau, kaum Bewegung darin. „Es fühlt sich heute anders an“, sagte sie, „ruhiger.“

Sanne antwortete nicht sofort. „Das ist gut“, sagte sie dann. „Das ist wirklich gut.“

Ein paar Minuten später kam der Arzt. Dr. Hendrik van der Meer trat ein, ohne Eile, die Hände in den Taschen seines Kittels. Sachlich, freundlich, seit Jahren in der Klinik. Er blieb am Fußende des Bettes stehen und sah auf Marieke dann auf das Tablet mit den Patientendaten:

49 Jahre, metastasierendes Mammakarzinom, seit drei Wochen in der Phase-III-Studie[1], mit Phytocarcin. Man versprach sich viel von diesem neuen, biologischen Krebsmedikament. Leiden war eines von mehreren Studienzentren der großen, internationalen Studie der Neocura Biotech AG, Heidelberg,

„Guten Morgen, Frau de Groot.“

„Guten Morgen, Herr Doktor.“

Er lächelte, knapp, professionell: „Wie geht es Ihnen heute?“

„Recht gut“, sagte sie. „Besser als gestern.“

Van der Meer nickte: „Das ist ein gutes Zeichen.“ Er sah auf das Tablet, auf den Monitor am Bett, rief die Kurven auf. Seine Augen folgten einer Linie, hielten inne, gingen zurück. Ein kaum merkliches Zusammenziehen der Stirn. Sanne bemerkte es. Sie stand jetzt etwas abseits, die Hände vor dem Körper verschränkt.

„Die Werte sehen stabil aus“, sagte van der Meer. Er sagte es ruhig und sicher. Marieke schloss für einen Moment die Augen, Ein Atemzug, der fast Erleichterung war: „Ich wusste es“, flüsterte sie, „Es wirkt.“

Niemand antwortete sofort. Van der Meer legte das Tablet zurück. „Wir beobachten das weiter“, sagte er. Dann sah er noch einmal auf das Tablet, diesmal länger – zu lang. Ein kaum sichtbares Zögern – dann wandte er sich ab.

„Ruhen Sie sich aus“, sagte er. Marieke lächelte. Ein erschöpftes, aber echtes Lächeln: „Danke.“

Sanne trat wieder ans Bett, ordnete die Decke, prüfte ein letztes Mal den Zugang. Ihre Bewegungen waren ruhig, routiniert. „Ich komme später noch einmal“, sagte sie. Marieke nickte. Die Tür schloss sich leise hinter ihnen.

Für einen Moment blieb es still im Zimmer. Nur das leise Summen der Geräte, das gleichmäßige Ticken der Infusion. Dann öffnete Marieke wieder die Augen. Sie sah zur Decke, atmete ruhig, ganz ruhig.

Draußen zog eine Wolke vor die Sonne. Das Licht im Zimmer wurde blasser, flacher. Auf dem Monitor veränderte sich eine Linie, kaum sichtbar. Ein leichtes Abweichen, ein unruhiger Zug, der sich nicht ganz einordnen ließ.

Im Flur blieben Sanne Bakker und Hendrik van der Meer stehen. „Haben Sie das gesehen?“, fragte Sanne leise. Er antwortete nicht sofort. „Ja”, sagte er dann, „es ist hoffentlich – nein wahrscheinlich – nichts“. Er sagte es schnell, zu schnell. Sanne nickte, aber sie sah noch einmal zurück zur Tür des Zimmers.

Drinnen lag Marieke de Groot und lächelte ruhig – als hätte sie alle Zeit der Welt…

 

[1] Eine klinische Phase-III-Studie ist die letzte große Erprobungsphase eines neuen Medikaments am Menschen vor der offiziellen Zulassung. Sie dient dazu, den Nutzen, die Wirksamkeit und die Sicherheit des neuen Wirkstoffes zweifelsfrei zu bestätigen

 

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Kapitel 1 – Molong

In der Nähe von Kuching – Ost-Malaysia (Insel Borneo)

Dr. Jonas Hellwig liebte den Duft des Dschungels. Das feuchte Gemisch aus Erde, Harz und verrottenden Blättern war für ihn kein Zeichen von Verfall, sondern von Leben. Seit über einem Jahrzehnt erforschte der Botaniker die tropische Pflanzenwelt Borneos. Was einst mit einem Stipendium für einen botanischen Tropenaufenthalt begonnen hatte, war längst zu einer Lebensaufgabe geworden.

Hellwig war kein Mann, dem man seine akademische Laufbahn ansah. Wer ihm im Dschungel Sarawaks begegnete, hielt ihn eher für einen in die Jahre gekommenen Aussteiger als für einen promovierten Wissenschaftler. Hellwig war hager, seine Kleidung war schlicht bis zur Vernachlässigung: ausgebleichte Leinenhosen, ein dünnes Hemd, vom Schweiß gezeichnet. Die Sandalen an seinen Füßen waren vom Schlamm des Regenwaldes geformt.

Hellwig hatte sich bewusst von allem gelöst, was ihn von seiner Arbeit trennte. Je weniger er besaß, desto weniger glaubte er, der Welt etwas schuldig zu sein – oder sie ihm. Der Dschungel akzeptierte keine Eitelkeit, und er hatte gelernt, sich ihm anzupassen.

Sein Gesicht trug die Spuren dieses Lebens. Die Haut war von der Sonne gegerbt, der Bart war stoppelig. Unter dem meist ungekämmten, vom Tropenlicht ausgebleichten Haar lagen wache, ruhige Augen. Sie gehörten einem Mann, der mehr beobachtete als sprach.

Mit der Zeit hatte Hellwig das Vertrauen der indigenen Gemeinschaften Sarawaks gewonnen. Besonders ein Dorf der Penan hatte es ihm angetan. Er hatte ein wenig ihre Sprache gelernt, Mahlzeiten in einfachen Palmhütten mit ihnen geteilt. Er hatte Fleisch gegessen, das von Tieren stammte, die mit dem Blasrohr und Pfeilen mit dem hochgiftigen Milchsaft des Upas-Baumes[2] erlegt worden waren, dazu Gemüse und bittere Kräuter. Essen war für ihn weniger ein Genuss als ein Ritual des Dazugehörens. Er nahm, was man ihm reichte, und verlangte nie mehr.

Er lebte in einer einfachen Pension am Rande des Dschungels, fernab der klimatisierten Hotels von Kuching, in denen Politiker, Geschäftsleute und die wenigen ausländischen Touristen wohnten. Sein Zimmer war karg: ein schmales Bett, ein wackeliger Tisch, ein Ventilator, der mehr klapperte als kühlte. An den Wänden hingen Landkarten Borneos, übersät mit handschriftlichen Markierungen. Der Geruch von feuchtem Papier, Leder und getrockneten Pflanzenproben lag ständig in der Luft. Luxus erschien ihm nicht nur überflüssig, sondern störend.

Er hatte gelernt, zuzuhören, ohne zu urteilen. Nachdem er über Jahre hinweg Respekt gezeigt hatte, begannen die Ältesten der Penan, Vertrauen zu ihm zu fassen und ihm Geheimnisse anzuvertrauen.

Sie waren skeptisch gegenüber Fremden. Ihre Kultur beruhte auf molong – dem Prinzip, der Natur niemals mehr zu entnehmen als notwendig. Europäer und Chinesen hatten sie oft als gierig erlebt. Teilen war bei ihnen Pflicht, Dinge aus Geiz zurückhalten eine Schande. See-hun, das Versagen beim Teilen, galt als schwerstes soziales Vergehen. Ursprünglich nomadisch, waren die meisten heute sesshaft. Der Regenwald war ihre Lebensgrundlage, aber er wurde weniger. Vor allem von der „Holzmafia”, die den Regenwald ausbeutete und abholzte, fühlten sie sich bedroht.

Eines Tages, als die Sonne heiß auf die Hütten brannte, führten sie Hellwig tiefer in den Dschungel, als er je vorgedrungen war. Dort, in einem feuchten, nebelverhangenen Tal, zeigten sie ihm eine Pflanze, die sie Pokok paku batu nannten. Ein flüchtiger Druck legte sich auf seine Brust, kaum mehr als ein leichtes Unbehagen. Jonas schob es auf die Hitze. Der Dschungel war gnadenlos an solchen Tagen, selbst für jemanden, der ihn kannte. Er atmete einmal tief durch, dann war es wieder weg.

Die Blätter der Pflanze glänzten dunkelgrün, fast metallisch, und verströmten einen frischen, leicht bitteren Duft. Die Dorfbewohner erzählten mit ernster Stimme, die Pflanze besitze die Kraft, Tumore zum Verschwinden zu bringen. Wer krank sei, bekomme einen Sud aus den Blättern und Wurzeln – und oft, so sagten sie, geschehe das Wunder. Sie sagten es ruhig, ohne Pathos.

Der Dorfälteste, ein hagerer Mann mit tiefen Furchen im Gesicht, beugte sich zu ihm herab. In seinen Augen lag der Ausdruck eines Menschen, der Geheimnisse nicht leichtfertig preisgab. „Viele werden besser“, sagte er. Er machte eine kurze Pause. „Man muss wissen, wann.“

Jonas runzelte die Stirn.

„Wann?“

Der Älteste zuckte leicht mit den Schultern.

„Das ist nicht einfach.“

Stille.

„Die Pflanze heilt die Kranken“, sagte er in stockendem Malay. „Aber nur, wenn man sie mit Respekt behandelt. Ich kann dir Kranke zeigen, die einen Tumor haben, denen es nach Einnahme des Pflanzensuds viel besser geht. Bei einigen ist der Tumor ganz verschwunden“

Hellwig hörte aufmerksam zu. Er wusste, wie viele Legenden sich um Pflanzen rankten – und wie selten sich solche Geschichten wissenschaftlich bestätigen ließen. Und doch spürte er, dass diese Begegnung anders war.

Er kniete sich neben die Pflanze und fuhr vorsichtig mit den Fingerspitzen über die Blattränder. Sie fühlten sich merkwürdig kühl an, fast wie von einem unsichtbaren Film überzogen. Ein Tropfen Regenwasser perlte über die Oberfläche, ohne Spuren zu hinterlassen.

Pokok paku batu wiederholte er leise und schrieb das Wort in sein Notizbuch, als müsse er es vor dem Vergessen bewahren.

In den vergangenen Jahren war er Pflanzen begegnet, deren Wirkstoffe später in westlichen Laboren auf Interesse stießen. Was für die Dorfbewohner uraltes Wissen war, erschien der Wissenschaft oft als spektakuläre Entdeckung. Aber viele Erwartungen hatten sich auch nicht erfüllt. 

In der feuchten Erde entdeckte er mehrere kräftige Wurzelausläufer. Ihr Geruch war erdig, mit einer bitteren Note, die an Mandeln erinnerte. 

Als sie den Rückweg antraten, begann es leicht zu regnen. Der Dschungel dampfte, und ein fernes Grollen kündigte das nächste Gewitter an. Hellwig hatte das Gefühl, dass sein Rucksack plötzlich schwerer geworden war. Nicht das Gewicht lastete auf ihm, sondern eine Ahnung.

Er könnte auf etwas Außergewöhnliches gestoßen sein. Vielleicht auf etwas, das die Medizin verändern konnte. Aber vielleicht war es auch nur eine Schamanen-Geschichte. Wenn die Pflanze aber wirklich Antitumorwirkungen hatte, würde sie Begehrlichkeiten wecken – größer, als er sie überblicken konnte. 

[2] Der Milchsaft des Upas-Baumes (Antiaris toxicaria) enthält das tödliche Herzglykosid beta-Antiarin. Auf Blasrohrpfeile gestrichen, wird der Saft von indigenen Völkern Borneos zum Jagen benutzt. Beta-Antiarin wird durch Hitze zerstört, so dass man das gekochte/gebratene Fleisch so erlegter Tiere essen kann. Beta-Antiarin ist giftiger als Curare, das bekanntere lähmende Pfeilgift südamerikanischer indigener Völker.

 

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Kapitel 2 – Der erste Schritt

Regenwald, Sarawak, Ost-Malaysia

Der Dschungel war an diesem Morgen ungewöhnlich still. Kein Vogelruf, kein Rascheln – nur das feuchte Atmen des Waldes. Nebel hing zwischen den Stämmen, schwer und undurchsichtig, durchzogen von dem süßlich-modrigen Geruch verrottenden Laubs. Dr. Jonas Hellwig ging den Weg in den Dschungel, den ihm die Penan gezeigt hatten. Endlich stand er am Rand einer kleinen Lichtung, einen kleinen Spaten locker in der Hand. Sein Hemd klebte an der Haut, die Luft war gesättigt von Feuchtigkeit und Erwartung.

Vor ihm stand eine große Kolonie Pokok paku batu.

Ein unscheinbarer Farn, silbrig schimmernd an den Blattspitzen. Keine auffällige Blüte, kein markanter Wuchs. Für die westliche Wissenschaft – zumindest bisher – ohne Bedeutung. Für die Penan jedoch war die Pflanze mehr als ein Heilmittel. Sie war Teil eines Versprechens zwischen Mensch und Wald.

Hellwig ging in die Hocke. Vorsichtig, beinahe ehrfürchtig, strich er mit den Fingerspitzen über ein Blatt. Glatt, kühl, lebendig. In den Dörfern nannte man sie die Pflanze gegen den inneren Tod. Tumoren, sagte man, verschwänden manchmal, nicht immer, aber oft genug, um Hoffnung zu nähren – und Verantwortung.

Er hatte keine Beweise – noch nicht. Nur Gespräche am Feuer, vorsichtig erzählte Berichte jener, die über Krankheit nicht gern sprachen. Und sein Notizbuch – ein Lederband, das nach Rauch und Regen roch, voll von Skizzen, Berichten, Beobachtungen und Zweifeln.

Hellwig hob den kleinen Spaten an– und zögerte. Sein Atem stockte für einen Moment. Er bemerkte, dass seine Hand den Griff fester umklammerte. Ein feiner Schweißfilm lag auf seinem Rücken, obwohl er reglos verharrte.

Wann hatte er die Grenze überschritten. War es der Moment gewesen, als er die Pflanze zum ersten Mal nicht nur als kulturelles Wissen, sondern als Träger eines möglichen Wirkstoffs gesehen hatte? Als Versprechen an eine Wissenschaft, die er selbst nie ganz verlassen hatte?

„Molong“, dachte er, „nimm nicht mehr, als du brauchst“, und er spürte gleichzeitig, wie sich sein Herz beschleunigte.

Was brauchte er denn? Eine Pflanze, zwei, drei? Oder war schon der Gedanke an systematische Erforschung ein Verrat an dem Vertrauen, das man ihm entgegengebracht hatte?

Schließlich grub er vorsichtig drei Exemplare aus dem feuchten Boden. Er löste die Wurzeln behutsam, als trüge er ein verletztes Tier, und legte die gesamte Pflanze in ein feuchtes Tuch. Sein Atem ging flach.

„Verzeih.“, flüsterte er und wusste nicht, ob er damit den Dorfältesten meinte – oder sich selbst.

Ein leises Rascheln ließ ihn aufblicken. Am Rand der Lichtung stand Asik, Meguts sechzehnjähriger Enkel. Barfuß, mit den feinen Tätowierungen auf Armen und Schultern, das traditionelle Blasrohr locker über die Schulter gelegt und Köcher mit beta-Antiarin-Pfeilen an den Hüften. Seine dunklen Augen beobachteten jede Bewegung.

„Du bist wiedergekommen?“ fragte der Junge. Seine Stimme war ruhig, fast sachlich.

Jonas nickte. „Ja, ich muss die Pflanze näher kennenlernen.“

Asik trat näher und blickte auf die entnommene Pflanze. „Du wirst sie den westlichen Ärzten zeigen?“

Hellwig suchte nach einer Antwort, die weder log noch beschönigte: „Ich werde versuchen, die Pflanze zu verstehen.“

Der Junge schwieg einen Moment. Dann schüttelte er leicht den Kopf.  „Sie kann helfen. Aber du darfst nicht sagen, sie gehört dir.“

Jonas sah ihn an. In Asiks Worten lag keine Anklage – aber sie zeigten eine Grenze auf.

„Das werde ich nicht“, sagte Hellwig. „Sie gehört euch, sie gehört dem Wald.“

Asik musterte ihn noch einen Augenblick, dann nickte er knapp und verschwand zwischen den Bäumen.

Als Jonas allein zurückblieb, spürte er seine Verantwortung. Er wusste, dass Wissen Macht bedeutete und dass Macht selten ohne Folgen blieb. Wenn Pokok paku batu hielt, was man ihm nachsagte, würde es Aufmerksamkeit erregen – Begehrlichkeiten, die im Widerspruch zu molong standen

Er fragte sich, ob er noch Beobachter war. Oder ob er dabei war, einen Prozess in Gang zu setzen, den er nicht mehr würde aufhalten können. 

Jonas blieb noch einen Moment in der Hocke, die drei Pflanzen vorsichtig in das feuchte Tuch eingeschlagen.

Es knackte im Gebüsch; er war sich sicher, dass er nicht allein war, dass er beobachtet wurde.

Er wusste, was er tat. Der Export biologischen Materials aus Sarawak war kein harmloser Akt Für wissenschaftliche Proben gab es Formulare, Genehmigungen, manchmal monatelange Verfahren. Und selbst dann blieb vieles eine in einer Grauzone. Er hatte keine dieser Genehmigungen. Langsam richtete er sich auf. Für einen Augenblick hörte er nur sein eigenes Atmen und das ferne Tropfen von Wasser aus den Baumkronen.

„Es ist nur eine Probe“, beschwichtigte er sich selbst. Aber er wusste, dass das nicht stimmte. Wenn die Berichte der Penan auch nur teilweise zutrafen, hielt er mehr in den Händen als nur ein paar botanische Exemplare. 

Sein Griff um das Tuch wurde fester. Dann verstaute er die Pflanzen tief in seinem Rucksack, neben seinem ledernen Notizbuch. Als er den Reißverschluss zuzog, klang das Geräusch in der feuchten Stille des Waldes lauter als erwartet.

 

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Kapitel 3 – Rückkehr in die andere Welt

Frankfurt am Main, Flughafen – zwei Wochen später

Der Kontrast war brutal. Stahl, Glas, Kälte. Menschen in Anzügen und Kostümen, Parfum in der Luft. Jonas Hellwig atmete flach durch den Mund. Sein Körper war noch auf tropische Luft eingestellt, auf die weiche Geräuschkulisse des Dschungels. Der Krach der Rollkoffer auf Steinboden schmerzte in seinen Ohren. Die Klimaanlage blies ihm kalte Luft ins Gesicht. Jonas fröstelte, ihm hing noch der Schweiß aus dem Dschungel in den Kleidern. Sein Körper war zu langsam für diesen Ortswechsel. 

Er trug seinen alten Rucksack darin eine schlichte Transportbox. Inhalt: drei Pflanzen, sorgfältig in feuchten Tüchern verpackt, beschriftet, registriert, ungewöhnlich und fraglich legal. Der königlich malaysische Zoll hatte bei der Ausreise nichts gefragt.

Die Schlange vor dem Ausgang nach dem Gepäckband bewegte sich zäh vorwärts. Jonas zog seinen verschlissenen Rollkoffer mit der linken Hand und spürte den Riemen seines Rucksacks in der Handfläche der anderen. Er zwang sich, langsamer zu atmen. Vor ihm schob ein Geschäftsmann seinen Koffer durch den grünen Ausgang: Nichts zu verzollen.

Jonas folgte ihm –fast. „Einen Moment, bitte.“

Die Stimme kam von links. Ruhig, nicht laut — aber eindeutig an ihn gerichtet. Jonas blieb stehen.

Der Zollbeamte war unscheinbar, Mitte fünfzig, randlose Brille. Kein misstrauischer Blick, keine Schärfe, gerade das machte es unangenehm.

„Wo kommen Sie her?“

„Kuching, Malaysia.“ Jonas hörte selbst, wie trocken seine Stimme klang.

Der Beamte nickte leicht. Sein Blick glitt über Jonas’ Tropenkleidung, den Rucksack, die staubigen Schuhe.

„Führen Sie Nahrungsmittel, pflanzliches Material, Erde oder biologische Proben mit sich?“

Für einen Sekundenbruchteil wurde es still in Jonas’ Kopf.

Er wusste, dass dies der kritische Moment war: „Nur persönliche Notizen und Kleidung“, sagte er. Nicht ganz eine Lüge, aber auch nicht die ganze Wahrheit.

Der Beamte hielt den Blick eine Sekunde zu lange. „Darf ich kurz in Ihren Koffer sehen?“ 

„Gern”, Jonas öffnete den Koffer. Der Beamte warf einen. Blick hinein, fuhr mit der Hand hinein. „In Ordnung. Und was ist in dem Rucksack? Kann ich da auch hineinschauen?“

Jetzt schlug Jonas’ Herz spürbar schneller.

„Natürlich,“ sagte er.

Seine Finger arbeiteten ruhig — zu ruhig — am Reißverschluss. Innen: Kleidung, Schuhe, Notizbücher … und darunter, tief unten, eingewickelt, das feuchte Paket.

Der Beamte beugte sich leicht vor. Ein Geruch nach getragenen Kleidern entwich dem Rucksack. Seine Hand schob ein getragenes T-Shirt zur Seite, ein Paar Sandalen… ein Moment, noch einer…

Dann zog der Beamte die Hand zurück und nickte: „Gut, willkommen in Deutschland”, sagte er knapp.

Jonas schloss den Rucksack sorgfältig, nicht zu schnell und ging durch die automatische Tür in die Flughafenhalle.

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Auf dem Display seines Mobiltelefons erschien eine Nachricht: „Termin bestätigt. Dienstag, 10 Uhr. – Freue mich. Selina.“ 

Jonas hatte plötzlich Herzklopfen. Er starrte auf den Namen. Dr. Selina von Ahrens war eine Kommilitonin gewesen aus dem Biologiestudium in Heidelberg. Anschließend hatte sie noch Pharmazie studiert. Während des Studiums hatte sie ihre Zwillingsschwester an Krebs verloren, was ihre berufliche Orientierung prägte. Heute war sie Krebsforscherin und Unternehmerin, bekannt aus mehreren Artikeln, zuletzt ein Interview in der Süddeutschen – „Wir müssen die Onkologie neu denken.“ Von ihrer Großmutter hatte sie ein dreistelliges Millionenvermögen geerbt. Damit hatte sie ihre Firma, Neocura Biotech AG, aufgebaut. Sie hatte auf Jonas‘ Anfrage sofort reagiert, anders als die Universität, die sich bisher gar nicht gemeldet. Hatte.

Jonas wusste, er brauchte für seine Fragestellung einen potenten Partner, einen der die Pflanze analysieren konnte. Einen, der genug wissenschaftliche Neugier und know-how besaß, um seine Fragen zu beantworten. Er wusste nicht, ob er von Ahrens trauen konnte; er hatte sie ewig nicht mehr gesehen. Aber er brauchte sie als Verbündete. 

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Heidelberg, Neocura Biotech AG – zwei Tage später

Das Gebäude von Neocura Biotech wirkte kühl, aber nicht unfreundlich. Glasfront, Sichtbeton, helles Holz, ein Innenhof mit Bambusstauden. Jonas blieb einen Moment vor dem Eingang stehen.

Dann ging er hinein. Der Geruch von Desinfektionsmittel lag in der Luft. Seinen Rucksack mit der Transportbox hielt er im Arm wie eine kostbare Reliquie.

Die Empfangsmitarbeiterin musterte ihn etwas verächtlich, als käme er aus einer anderen Welt (was ja durchaus der Wahrheit entsprach).

„Sie sind Herr… Hellwig?“

Er nickte. „Dr. Jonas Hellwig.“

Die Empfangsdame lächelte kühl. „Dr. von Ahrens erwartet Sie.“ Sie deutete auf den Aufzug: „dritter Stock.“

Der Aufzug war leise, fast zu leise. Jonas sah sein Spiegelbild in der Metallwand – dunkler Teint, zerknittertes Hemd, der Rucksack vor der Brust wie ein Schutzschild. Es roch nach Vanille und der Aufzug hatten den gleichen Steinboden wie die umliegenden Flure. Jonas hatte wieder Herzklopfen. Er versuchte, sich zu sammeln, starrte auf die aufleuchtenden Zahlen über der Tür. Drei Stockwerke, dachte er. 

Früher waren es drei Minuten Fußweg durch die Altstadt gewesen – von der Mensa zur Bibliothek, von der Bibliothek zu Selinas kleiner Studentenwohnung am Fluss.

Die Tür glitt auf. Sie stand schon da:

Selina von Ahrens, groß, elegant, dunkelblond, im weißen Hosenanzug, ihr Haar streng zurückgenommen.

Nichts an ihr erinnerte mehr an die Studentin mit zerzaustem Pferdeschwanz, die nachts um zwei noch über ihren Skripten gesessen hatte.

Für einen Moment sagte niemand etwas, sie sahen sie sich nur an, einen Tick länger als gewöhnlich. Dann trat sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand.

„Jonas“, sagte sie. „Über zehn Jahre.“ Ihre Stimme war warm genug, um Nähe anzudeuten – aber präzise genug, um sie zu begrenzen.

„Mindestens,” antwortete er.

Ihr Händedruck war fest, kontrolliert, ihre Hand war warm, sie ließ seine einen Tick später los als nötig. Ihr Blick glitt über ihn, von oben bis unten — prüfend, fast analytisch, wie früher im Labor, wenn sie seine Versuchsanordnungen kommentiert hatte.

„Ich hätte dich fast nicht wiedererkannt“, sagte sie. „Du siehst aus, als wärst du direkt aus dem Dschungel gekommen.“

„Bin ich auch.“

Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht – und verschwand wieder bevor es ganz da war. „Das passt zu dir“. Früher hatte er sich von Selina gern mit spitzen Bemerkungen neckten lassen, jetzt versetzte ihm die Bemerkung einen kleinen Stich.

„Komm“, sagte sie und wandte sich bereits halb ab. „Ich bin gespannt, was du mir mitgebracht hast.“

Er folgte ihr, ihre Schritte waren ruhig und sicher

Der Flur roch nach neuem Holz und Selinas dezentem Duft – leicht, nicht aufdringlich. Jonas erkannte ihn nicht, aber er passte zu ihr.

Jonas bemerkte, dass er seinen Rucksack fester hielt als nötig. Er wusste nicht, ob es an den Pflanzen in seiner Box lag – oder an der Frau, die vor ihm ging.

Sie blieb stehen. Drehte sich zu ihm um. Auch Jonas blieb einen Moment stehen.

Er wusste nicht genau, warum.

Vielleicht, weil er das Gefühl hatte, gerade etwas aus der Hand zu geben, das er selbst noch gar nicht richtig verstanden hatte.


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Kapitel 4 – In fremden Händen

Heidelberg, Neocura Biotech – Besprechungsraum „Galilei“

„Setz dich.“ Selina von Ahrens deutete auf einen Stuhl am stylischen Konferenztisch aus Glas und Stahl. Keine Zettel, kein Laptop, nur eine Designer-Wasserkaraffe mit Gläsern – und Jonas’ Transportbox, die er behutsam neben sich abgestellt hatte. Die Atmosphäre wirkte aufgeräumt, fast steril.

Es muss über ein Jahrzehnt sein, dass wir zuletzt zusammensaßen. Ich habe deine E-Mails gelesen und die Anhänge: Ethnobotanische Protokolle, Laborjournal-Notizen, ein halbes Dutzend Beobachtungsbögen, alles handschriftlich.“ Sie lächelte dünn: „Schon noch sehr old school.“

Jonas nickte. „Ich arbeite lieber mit Stift und Papier als mit einem Tablet. Im Dschungel gibt es so selten WLAN.“ Sie neigte leicht den Kopf und lächelte. „Touché.“

Ein kurzer Moment des Schweigens. Dann lehnte sie sich vor: „Also – warum glaubst du – wie du geschrieben hast – dass deine Pflanze eine medizinische Revolution sein könnte?“

Jonas merkte, wie sich sein Mund trocken anfühlte. Er hatte sich auf dieses Gespräch vorbereitet, aber Selina und die ganze Atmosphäre übten einen latenten Druck auf ihn aus. Er schluckte, bevor er antwortete und hasste sich für diesen Moment der Unsicherheit. Aber hier schien jedes Wort gewogen zu werden – nicht nach Wahrheit, sondern nach Verwertbarkeit.

„Die indigenen Penan nennen sie Pokok paku batu, wörtlich übersetzt: Steinfarn. Sie verwenden sie bei inneren Erkrankungen, vor allem bei Tumoren. Ich habe fünf dokumentierte Fälle, bei denen die Symptome zurückgingen – Atemnot, Schluckbeschwerden, Schmerzen. Drei Patienten lebten deutlich länger als prognostiziert. Und dann gab es zwei Frauen mit Brustkrebs, dicke Knoten in der Brust. Nach Einnahme des Pflanzensuds gingen die Knoten zurück, beide leben heute noch.“

Während er sprach, hörte Selina intensiv zu. Fast zu intensiv – sie merkte es selbst. Die meisten Menschen erklärten zu viel oder zu wenig. Jonas tat weder das eine noch das andere, das hatte ihr schon früher immer gefallen.

„Und das reicht dir als Beleg?“ Selina hatte eine tiefe Falte zwischen den Augen.

„Natürlich nicht. Ich glaube nicht an Wunder. Aber ich würde gern verstehen, was in dieser Pflanze steckt. Phytochemisch, pharmakologisch, molekular. Mehr nicht – noch nicht.“

Selina schwieg einen Moment, griff zum Wasserglas, trank einen Schluck.

„Verstehe mich nicht falsch“, sagte sie. „Ich finde das faszinierend, eine Pflanze mit möglicher selektiver Zytotoxizität[2] gegen Tumore, kombiniert mit einem traditionellen Anwendungswissen – das ist eine seltene Kombination. Aber wir sind kein Forschungslabor der Universität. Wir sind ein Unternehmen. Wir brauchen greifbare, patentierbare Ergebnisse, und die möglichst schnell.“

Jonas’ Blick blieb ruhig. „Ich bin kein Verkäufer, ich bin Wissenschaftler. Aber ich habe genug gesehen, um zu sagen: Ich glaube, es lohnt sich.“

Sie musterte ihn einen Moment, stand dann auf und trat ans Fenster. Unten im Innenhof standen mehrere Wissenschaftler in weißen Laborkitteln in der Sonne und schienen eindringlich zu diskutieren. Am gegenüberliegenden Fenster sah man Personen an Laborbänken arbeiten. Alles funktionierte hier – präzise und effizient.

„Ich mache dir einen Vorschlag“, sagte Selina, ohne sich umzudrehen. „Du lässt mir zwei der Pflanzen hier. Wir geben sie in die präklinische Screening-Plattform. Wenn sich innerhalb von zwei Wochen eine nennenswerte zelluläre Wirkung zeigt, reden wir weiter.“

„Und wenn nicht?“

„Dann war deine Information von den – wie heißen sie…?“ „ Penan“ „wohl falsch, und wir sind raus.“ 

Jonas zögerte. Die Pflanze war selten, die Proben begrenzt. Aber er wusste: Ohne diesen ersten Schritt blieb alles Theorie und er würde nie erfahren, was sich in der Pflanze verbarg.

„Einverstanden.“

Selina drehte sich zu ihm um, streckte die Hand aus. „Dann sind wir im Geschäft.“

Er schlug ein. Ihre Hand war warm und trocken, die Fingernägel makellos lackiert. Seine war rissig und leicht feucht.

Als Jonas den Raum verließ, bemerkte er nicht, dass Selina bereits zum Telefon griff:

„Pawel,  ich hatte gerade Jonas Helwig hier. Der kam aus Malaysia zurück und hat eine Heilpflanze aus Borneo mitgebracht”, sagte sie leise. „Findet mal heraus, wem er sonst noch von der Pflanze erzählt hat.“

[3] Zytotoxizität bezeichnet die Eigenschaft von Substanzen (z. B. Medikamenten), lebende Zellen zu schädigen, deren Wachstum zu hemmen oder sie abzutöten.

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